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Flugreisen für Menschen mit Handicap – Reisen mit Behinderungen?

Reisen macht Spaß. Für Menschen mit Handicap ist es auch immer eine besondere Herausforderung. Trotzdem wagt sich diese Personengruppe vermehrt in die Lüfte. Das haben auch die Fluggesellschaften verstanden und ordern neue, moderne und behindertentaugliche Flugzeuge oder bauen ältere Maschinen behindertenfreundlich um.

Ein unübersehbarer Trend

Wer auf der „Internationalen Tourismus-Börse“ (ITB) in Berlin war, konnte den Trend leicht erkennen. Es gibt Reisebüros, die Gruppenreisen für Menschen mit Behinderungen in Deutschland und ganz Europa anbieten, sowie Hotels, die sich nur auf diese Klientel spezialisiert haben. Aber nicht nur Gruppenreisen sind im Kommen. „Individualreisen für diese Zielgruppe sind auch für uns zunehmend ein Thema“, berichtet Annika Wehrle vom spanischen Fremdenverkehrsbüro und spricht damit auch für andere staatliche Verkehrsbüros.

So wie bei diesem neuen Airbus A 350, stehen künftig bei allen neuen A320/321neo Maschinen und umgebauten A 320 Maschinen genügend Sitzplätze zur Verfügung, in denen sich Menschen mit Handicap problemlos gemütlich machen können.

Im Fernflugverkehr hat beispielsweise die Lufthansa gerade sechs neue Flugzeuge des Typs Airbus A350-900 in Dienst gestellt, die einen nicht nur für Menschen mit Herz- oder Lungen-Erkrankungen optimalen Kabinen-Luftdruck (vergleichbar mit dem Luftdruck in einem Mittelgebirge) erzeugen können, sondern auch eine vorbildliche Inneneinrichtung für Menschen mit Handicap vorweisen. Alle Sitzlehnen am Gang sind aufklappbar und somit für die Zielgruppe leicht benutzbar. Eine großzügige Behindertentoilette hat die Lufthansa-Tochter SWISS in ihren komplett behindertentauglichen Boeing-777-Maschinen einbauen lassen. Doch wie sieht es im europäischen Kurz- und Mittelstreckenverkehr aus?

Rekordaufträge für Mittelstreckenflugzeuge

Auf der Dubai-Airshow wurden gigantische Aufträge für Kurzstreckenflugzeuge verzeichnet, die alle über neue, behindertengerechte Kabinen verfügen werden. Hier ist vor allem die „A 320neo-Familie“ von Airbus zu nennen. „Das ist auch bitter nötig. Gerade bei kleineren Gesellschaften verkehren immer noch Maschinen mit veralteter Technik und Inneneinrichtung, schlechter Belüftung und Sitzplätzen, die bei manchen Menschen Schmerzen verursachen. Man muss heute genau abwägen, mit welcher Fluggesellschaft man fliegen will, da sollte nicht nur der Preis entscheiden“, sagt ein Insider der Branche, ohne die betreffenden Gesellschaften beim Namen zu nennen. Lufthansa hat auch in diesem Segment mittlerweile neun Maschinen des Typs A320neo in den Dienst gestellt, weitere werden folgen. Ältere Maschinen wurden aufgefrischt, wie dies auch bei den Lufthansa-Töchtern SWISS und Eurowings schon länger der Fall ist. Selbst der Billiganbieter Easyjet erneuert vorhandene oder beschafft gerade neue Maschinen, um den veränderten Bedürfnissen zu entsprechen, denn die Briten möchten die vorhandene Lücke nach der Air-Berlin-Pleite schließen. Die osteuropäische Billiglinie WizzAir hat ebenfalls über 150 neue Handicap-freundliche A320neo geordert. Bei allen neuen Airbus-Maschinen ist mindestens ein Spezialrollstuhl an Bord.

Es hapert am Service

Doch wie sieht es mit dem Service an den Flughäfen und in den Maschinen aus? „Da gibt es EU-Richtlinien und Leitlinien, die für alle Flugzeuge, die im EU-Raum verkehren, verbindlich sein sollten“, bestätigt Marie Denninghaus vom European Disability Forum. So seien Flughäfen dazu verpflichtet, Menschen mit Behinderungen eine Assistenz anzubieten und auch den Check-in, die Zoll- und Handgepäckkontrolle sowie das Boarding so zu vereinfachen, dass Menschen mit Behinderung ohne Zeitdruck und als Erstes in das Flugzeug einsteigen dürfen. Die Realität sieht anders aus. Betroffene berichten, dass sie separiert wurden und dann „qualvoll“ solange warten mussten, bis sie dann als Letzte eingecheckt und geboardet wurden. Gepäck mit Medikamenten und Hilfsgeräte blieben am Abflugort zurück. Ein anderer Gehbehinderter musste über 50 Minuten lang warten, bis er mit einem Caddie zum Gate gefahren wurde, welches nur wenige Meter entfernt war. Der Fluganbieter zeigte sich zwar „entsetzt“ und bezeichnete beide Beispiele als Einzelfall. „Gerade in der Hochsaison lassen sich einzelne Fehler beim Bodenpersonal nicht vermeiden“, verteidigt auch Lufthansa- Pressesprecherin Anja Lindenstein „solche wirklich seltene“ Fälle. Was aber ist ein „Einzelfall“ und was ein „gravierender Fehler“?

Die SWISS baut in allen Langstreckenflugzeuge eine großzügige Behindertentoilette ein, die mit einem Spezialrollstuhl bequem zu erreichen ist.

In der EU Verordnung 1107/06 wird für Menschen mit Handicap eine Begleitperson „empfohlen“. Gerade bei Online-Buchungen kommt es jedoch vor, dass ein Nebeneinandersitzen nicht möglich ist und somit die Speisen etc. nicht angereicht werden können. Als Begründung dafür wird die „Tendenz“ aufgeführt, dass Sitznachbarn diese Arbeit gerne übernehmen würden. Ob der ohnehin schon gestresste Fluggast mit Handicap das will, interessiert niemanden. „Da spielt die Scham eine große Rolle, denn die anderen Fluggäste sehen ja mein Handicap“, meint ein Fluggast.

Auch die Preisgestaltung für Personen mit Handicap entspricht nicht den Regeln der EU, die zur Beförderung von Menschen mit Behinderung Leitlinien erlassen hat. Da heißt es, „dass Begleitpersonen kostenlos oder zu einem stark ermäßigten Preis (Steuer, Taxen) reisen sollten“, berichtet Nicola John, Pressereferentin der Europäischen Kommission. Doch „Leitlinien“ sind nicht bindend und so gibt es keine einheitlichen Regelungen. Lediglich die Turkish Airlines gewährt einen Rabatt und verlangt, dass ein Assistent mitfliegt. Bei Lufthansa und Eurowings fliegt die Begleitperson bei Inlandsflügen zwar „kostenlos“ mit (exkl. Taxen und Steuern), nicht aber bei Auslandsreisen. EasyJet und TUI gewähren immerhin eine kostenlose Reservierung bei allen Flügen.

Das A und O: Die Vorbereitung

Wer als Person mit Handicap einen Flug wagen will, sollte eine Medikamentenliste (inkl. aller Pässe) mit sich führen. Ein Merkzettel, in dem alle Dinge die vor, während und nach dem Urlaub erledigt werden sollen, sollte nicht fehlen. Es empfiehlt sich unbedingt, dass man sich rechtzeitig vor Abflug mit der jeweiligen Fluggesellschaft in Verbindung setzt, damit die Flugtauglichkeit (MEDIF, FREMEC-Pass, hausärztlicher Befund) geprüft werden kann und auch die Begleitperson berücksichtigt wird. Rollstuhlfahrer sollten bei diesem Anruf sicherstellen, dass ein Caddie oder ein Rollstuhl immer bereitsteht. Vorsicht ist die beste Versicherung.

Dann steht einem erholsamen Flugerlebnis nichts mehr im Weg.

Ein Beitrag von Bernhard Veith