Wenn die Seele nie vergisst

Abgeschaltet

Es ist wieder ein schlechter Tag für die Akademikerin Daniela F., 46 Jahre, verheiratet, zwei Kinder (14 und 16). Sie liegt starr, wie gelähmt im Bett. Das geht schon seit zwei Jahren so, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat.

An den wenigen guten Tagen versorgt sie mit letzter Kraft den familiären Haushalt. Freunde hat sie keine mehr. Ihr Mann steht hinter ihr, aber wie lange er die Kraft dazu hat, weiß auch er nicht, denn die „Posttraumatische Belastungsstörung“ (PTBS) seiner Frau „zieht die Familie herunter“. Zwar hatte sie mittlerweile leichte Fortschritte gemacht. Doch es reicht schon ein leises Geräusch (z. B. Klingeln an der Haustür), um Angst zu erzeugen, ein Gegenstand (z. B. ein Messer oder irgendetwas, was auch nur entfernt an den Tatort erinnert), um ein Zucken oder einen Aufschrei und damit ein „Flashback“ (eine Rückschau) zu erzeugen. Ihre Kinder verstehen ihre Mama, doch auch sie leiden darunter. Sie scheint Raum und Zeit verloren zu haben, nur die Angst findet zuverlässig zu ihr zurück. „Erst eine unheilbare chronische Erkrankung, dann dieser schlimme, lebensbedrohliche Vorfall, das ist zuviel für jeden Menschen“, ist ihr Mann überzeugt. Sie wirke wie abgeschaltet und keiner schalte sie wieder an.

Das ist ein Seitenhieb auf die Krankenkasse, die zunächst nur eine kostengünstigere Psychotherapie für „Anpassungsstörungen“, aber keine dringend nötige spezielle PTBS-Therapie bezahlte. „Deswegen hat sie derzeit keinen Anspruch auf andere Maßnahmen mehr, der Topf ist jetzt leer“, verteidigt der zuständige Sachbearbeiter der Krankenkasse diese unselige Praxis, die anscheinend ebenso bei anderen Kassen gilt. Erst nach einer „Therapiepause“ sei eine weitere Kostenübernahme der PTBS-Therapie möglich. Ausnahme sei natürlich ein Notfall. Was ein Notfall ist, entscheidet jedoch offenbar nicht der Arzt, sondern die Krankenkasse. Auf Nachfrage ist damit ein Suizidversuch gemeint.

Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

So wie Daniela F. ergeht es vielen Menschen mit der PTBS. „Schlimme traumatische Erlebnisse reißen den Patienten oft in ein tiefes seelisches Loch, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint“, so ihr Psychiater. Frühere traumatische Erlebnisse oder chronische Erkrankungen machen daraus eine „Posttraumatische Belastungsstörung“ (PTBS).

Auslöser der PTBS

  • Kriegserlebnisse
  • Schwere chronische Erkrankungen
  • Traumatische Erlebnisse in der Kindheit
  • Vergewaltigung
  • Gewaltverbrechen
  • Fluchterlebnisse
  • Unfälle mit Verletzungen
  • Verlust der Gliedmaßen oder Lähmungen
  • Schwere Sexualdelikte mit körperlichen Schädigungen
  • Existenzbedrohende Ereignisse

Wichtig: Es müssen immer zwei Symptome erkennbar sein, die Zeitfolge ist dabei nicht wichtig (Kindheit).

Die PTBS ist im internationalen ICD-10-Codex (internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) unter F43.1 als Krankheit aufgeführt, wenn folgende Symptome mittels eines Fragebogens festgestellt wurden:

Hauptsymptome der PTBS

  • Spontanes Wiedererleben des Traumas (Flashback)
  • Geschehensvermeidung
  • Nervosität, Angst, leichte Reizbarkeit
  • Schreckhaftigkeit, Konzentrationsschwäche
  • Zunehmende Interesselosigkeit

Wichtig: Die Symptome treten meist erst nach einer gewissen Zeit auf.

Bei nicht rechtzeitiger Therapie kann sich eine komplexe PTBS entwickeln, die mit erheblichen Wesensveränderungen verbunden ist.

Symptome der komplexen PTBS

  • Emotionsveränderung (Sexualität, Ärger)
  • Selbstverletzendes Verhalten
  • Bewusstseinsveränderungen
  • Wahrnehmungsveränderungen (Selbstwertgefühl)
  • Verletzte Schamgefühle, Isolation
  • Verlust des Vertrauens zu Menschen
  • Schlaflosigkeit
  • Hilflosigkeitsgefühl
  • Hoffnungslosigkeit
  • Verminderte Lebensfreude, Antriebslosigkeit
  • Psychosomatische Beschwerden

Wichtig: Diese Symptome sind immer eine zusätzliche Folge der normalen PTBS

Trauma zieht Trauma an“

Die PTBS erkennt man unter anderem daran, dass es mehrere existentielle oder dramatische Vorfälle im Leben des Patienten gegeben hat“, erklärt die Psychiaterin Dr. Maggie Schauer vom Kompetenzzentrum für Psychotraumatologie in Konstanz und Mitbegründerin der „Narrativen Expositions-Therapie“ (NET). Oft sei der erste Vorfall in der Kindheit zu suchen, der vom Patienten nicht immer als Ursache erkannt würde.

Die Therapien

Den Patient/-Innen kann geholfen werden. Es stehen unterschiedliche Therapieformen zur Verfügung:

Die Narrative Expositionstherapie (NET)

Die PTBS ist bei 70-80 % der Fälle heilbar, der Symptomrückgang liegt bei der NET-Methode bei 100 %“, macht Dr. Schauer Mut. Bei der NET geht man davon aus, dass die Patienten ihre traumatischen Szenen nicht „verorten und vergeschichtlichen“ können und so diese immer wieder neu erleben. In Begleitung des Therapeuten wird der Patient „in sicherem Rahmen“ an die Ursachen herangeführt und so das Trauma bewältigt. Dazu wird eine „Lifeline” erstellt, ein mit einigen Symbolen versehener Lebenslauf, um dahinter die eigentlichen Ursachen der PTBS zu entdecken und zu verarbeiten. In einigen Fällen hilft es hier auch ganz konkret, an den „Tatort“ zurückzukehren, auch wenn das Problem noch akut ist.

Prolonged Exposure Therapy (PET)

Auch hier steht die „Exposition“ (lat. „Ausstellung“) im Vordergrund. Der Patient wird dabei in die traumatische Situation zurückversetzt. Das Gespräch wird auf Band aufgenommen und täglich abgehört. Bei wiederholter Anwendung sollen die emotionalen Reaktionen abklingen und das Trauma in den Hintergrund treten.

Cognitive Processing Therapy

Hier findet die Exposition in Form einer Hausaufgabe mit anschließender Auswertung statt. Die daraus resultierenden „dysfunktionalen Kognitionen“ (Falschreaktionen, Denkfehler) werden dann kreativ umgestaltet.

Brief Eclectic Psychotherapy für PTBS (BEPP)

beinhaltet Psychoedukation, Exposition und Schreibaufgaben, Arbeit mit Erinnerungsstücken, Erklärung der Bedeutungen und ein Abschiedsritual von der Erkrankung.

Somatic Experience (SE)

Einen völlig anderen „natürlicheren“ Ansatz verfolgt die „Somatic-Eperience“-Therapie, die bei bedrohlichen Ereignissen beim Menschen vom selben ursprünglichen Reiz-Reaktions-Zyklus wie bei den Tieren in Körper und Nerven ausgeht: Den Flucht-, Angriff- und Totstell-Reflex. Im Gegensatz zu den Tieren verfüge der Mensch aber über keinen angeborenen Abbaumechanismus mehr. Durch das Aufspüren und Wiederbeleben dieser biologischen körperlichen natürlichen Abwehrkräfte entstehe ein Gefühl von Lebendigkeit und eine Eröffnung neuer Möglichkeiten und Lebensfreude des Patienten. Die tief verankerten Nachwirkungen der Erlebnisse können sich schonend auflösen.

Egal, welche Therapie auch angewandt wird: Rückfälle sind nie vermeidbar. Aber der Patient weiß, wie er Hilfe bekommen kann und wie er damit umgehen muss.

Mehr ist weniger

Daniela F. könnte also geholfen werden, wenn die Krankenkasse nicht so restriktiv wäre. Es ist in diesem Falle falsch verstandene Sozialpolitik, die nicht auf das Wohl der Menschen ausgerichtet ist, sondern wirtschaftlich sein will. Die spezielle und richtige Therapie mag zwar eine teure „Investition“ sein, aber sie kann auch die Reaktivierung des Patienten ins Arbeitsleben bedeuten und bringt dadurch mehr Steuern und Beiträge. Mehr wäre in diesem Falle weniger.