Fire and Ice

Ich reise sehr gerne und bin, ehrlich gesagt, auch viel unterwegs. Bei dieser Tour war allerdings schon im Vorfeld klar, dass es meine abenteuerlichste Reise in kalten Gewässern sein würde, bei der ich das Beste von Island und Grönland über und unter Wasser erleben dürfte.

Die Idee hierzu entstand auch nicht aus einer Laune heraus, sondern wurde zwei Jahre zuvor während meiner Islandreise geboren. Damals erkundete ich mit meinem extrem funktionell umgerüsteten Mietwagen von Hertz den Süden und Südosten. Was folgte, war Appetit auf mehr. Vor allem hatten es mir die Eisberge angetan, wie sie – teils bläulich im Sonnenlicht schimmernd – absolut perfekte Fotomotive darstellten. Das Land hatte mich unweigerlich in seinen Bann gezogen.

Wie jetzt auch, war ich seinerzeit drei Tage lang mit Iceland Dive Expeditions unterwegs. Dieses Unternehmen ermöglichte mir nun in Zusammenarbeit mit Northern-Explorers meine Traumreise.

Natürlich fährt man nicht jeden Tag nach Grönland und so investierte ich bereits im Vorfeld einiges in meine Fitness, um mich dieser Herausforderung stellen zu können. Als es dann losging, war ich schon etwas aufgeregt. Wie würde ich die Wassertemperaturen zwischen +2 bis -1 Grad aushalten? Würde meine Ausrüstung ausreichen? Wie konnte ich mich dort bewegen? Sven Gust, der Leiter der Grönland- Tour, versicherte mir, dass unser Aufenthaltsort schneefrei sei. Somit blieben meine Spikes zuhause.

Am 8. August 2017 abends starteten wir. Im Rolli sitzend, von meinen Gehstützen und dem schweren Kamerarucksack eingekesselt und bei +27 Grad in meine „kuschelig“ warme Winterdaunenjacke gehüllt – schob ich den auf 23 kg Gewicht limitierten Koffer voller Tauchgepäck vom Parkplatz aus zum Check-in-Counter.

Bald hob die Maschine von Air Berlin ab. Gegen 23 Uhr landete der Flieger in Keflavik (Island). Ein Taxi brachte mich in knapp einer Stunde zu meinem Hotel in Reykjavik, wo ich alles für den ersten Tauchtag und die anschließende Fahrt in den Norden Islands vorbereiten konnte. Am nächsten Morgen traf ich auf meine sechs Mitreisenden. Unser Kleinbus wurde jeden Tag aufs Neue von Jammy und Vicky, unseren Guides, in Tetris-Weltmeistermanier mit meinem Rollstuhl sowie mit Tauchflaschen, Ausrüstung und sonstigem Gepäck beladen.

Island hat herausragende Tauchplätze, unter anderem die Silfra-Spalte. Dieser Canyon verläuft zwischen der amerikanischen und der eurasischen Kontinentalplatte mit Sichtweiten von bis zu 100 Metern bei einer Wassertemperatur von +2 Grad. Ein anderer Platz ist der Strýtan im Eyjafjördur Fjord, einem Schornstein, der aus einer Tiefe von 70 Metern in Form einer Felsspitze aufsteigt und heißes, mineralreiches Süßwasser in den kalten Fjord entlässt. Dabei härten die Mineralien aus und der Fels wächst so immer weiter. Mindestens zehntausend Jahre hat es gedauert, bis der 55 Meter hohe Schlot seine heutige Höhe bis 15 Meter unter der Meeresoberfläche erreichte. Nicht zu vergessen die Tierwelt: Seewölfe, Nacktschnecken, Anemonen, Seegurken, Gespensterkrebse und viele andere Wirbellose galt es zu entdecken.

Die Tauchplätze waren nicht immer leicht zu erreichen, vor allem nicht mit schwerem Tauchgepäck und der großen Bleimenge. Allerdings wurde Silfra aufgrund seiner großen Besucherzahl mit einer breiten Treppe als Einstieg ausgestattet, was den Tauchgang deutlich vereinfachte. Leider muss man am Ende des Tauchgangs – und ziemlich ausgekühlt – noch gut 300 m über eine Schotterpiste zum Parkplatz zurück. Das ist sehr anstrengend.

Silfra ist jedoch so spektakulär, dass jede Anstrengung gerechtfertigt ist. Aufgrund des optimalen Services brauchte ich mich nicht um den Transport meiner Ausrüstung kümmern. Zur Belohnung bekam das Team ein Erinnerungsfoto vor dem äußerst lustigen Verkehrszeichen.

Jedoch begeistern mich nicht allein die spektakulären Tauchplätze . Während wir durch Island reisten und stundenlang in Richtung Norden fuhren, hatte man das Gefühl, einen Naturfilm zu betrachten. So schön war die Landschaft. Mal bot sich uns eine Mondlandschaft aus Lavasteinen, mal Wasserfälle, die sich sattgrüne Hänge hinunterstürzen, mal unzählige Schafe und Island-Pferde, die dort sichtlich den Sommer genießen, dann wiederum bizarre Felsformationen oder ein Blick aufs Meer.

Während unserer Streifzüge durch den Norden Islands blieb auch immer Zeit für Besichtigungen, zum Beispiel den Godafoss-Wasserfall – bekannt als Wasserfall der Götter – und alle Highlights des Myvatn Gebiets mit der braun-ockerfarbenen Mondlandschaft von Hverir, wo sich die vulkanische Aktivität auf unglaublich vielseitige Art zeigt.

Bei strömendem Regen – zum ersten und einzigen Mal auf dieser Tour – besichtigen wir den imposanten Wasserfall Dettifoss, der nur über einen felsigen Weg zu erreichen ist. Über nasse Felsbrocken, die diese Wanderung für mich nicht wirklich leichter machten, gelangte ich mit Jammies Unterstützung an sämtliche Aussichtspunkte.

Über eine Naturstrasse mit reichlich vielen Pfützen ging es weiter zum Litlaá, einem 17 Grad warmen geothermalen Fluss. Hier bietet sich bei einer Schnorcheltour der am Boden tanzende Lavasand und verschiedenfarbiges Sediment. Heißes Wasser strömt aus und erschafft interessante Muster und Wellenlinien am Boden. Auch wieder ein besonderes Erlebnis.

Nach einem Tauchgang nutzten wir die Chance auf eine private Whale-Watching-Tour mit Erlendur, dem Besitzer der Tauchbasis Stytan. Warm eingepackt, erlebten wir die Wale hautnah. Zum Schluss unserer Islandtour bestaunten wir im Þingvellir National Park die typischen Attraktionen im so genannten Golden Circle mit dem Geysirfeld, in dem sich ebenfalls der größte Geysir Europas und die Gullfoss-Wasserfälle befinden. Ich durfte sogar bei einer 15-minütigen Reitershow zuschauen, bei der uns die Besonderheiten der Island-Pferde, z. B. der Tölt gezeigt wurden. Der anschließende Tauchgang in Silfra bildete den krönenden Abschluss des ersten Teils der Reise. Nun waren alle für das noch größere Abenteuer „Grönland“ gut vorbereitet.

Grönland – Größte Insel der Erde

Eine Propellermaschine brachte uns von Reykjavik nach Ost-Grönland. Bei dem knapp einstündigen Flug nach Kulusuk begrüßten uns schon zahlreiche Eisschollen. Von dort flogen wir mit dem Helikopter nach Tasiilaq: Die Hauptstadt Ostgrönlands hat etwa 2.000 Einwohner, sechs Kilometer Straße, etwa 80 Autos sowie einige Hundert Schlittenhunde. Die wenigen Straßen sind aufgrund ihres starken Gefälles nur schwer zu bewältigen. Mit dem Rollstuhl würde man bergab mühelos Spitzengeschwindigkeiten erreichen. Allerdings ist mein Rolli in einer Zick Zack-Fahrt nur schwer unter Kontrolle zu bringen. Glücklicherweise wurde ich aber immer mit dem Wagen und der Tauchausrüstung zum Bootsanleger gebracht.

Schon am nächsten Tag standen die Tauchgänge an den Eisbergen an. Bei Sonnenschein brachen wir auf und waren – das lässt sich nicht leugnen – schon ein bisschen nervös. Zwar wurden wir intensiv auf das Tauchen an Eisbergen vorbereitet, aber als es dann soweit war und wir „unseren“ ersten Eisberg sahen, schlugen die Herzen schon etwas schneller. Sven und der Kapitän fanden einen sicheren Eisberg mit Grundkontakt, der nicht leicht umkippen konnte und nicht viele Überhänge oder Sollbruchstücke aufwies. Nichts wäre fataler, als gerade unter einem abbrechenden Eisteil mit leicht 200 bis 300 kg Gewicht aufzutauchen.

Per Rückwärtsrolle sprangen wir in das -1 Grad „warme“ Wasser. Schon über Wasser beeindruckte uns „unser“ erster Eisberg mit seiner Schönheit – und so tauchten wir ab, um die gewaltige Eisskulptur unter Wasser zu erkunden. 90 % der Eismasse befinden sich ja bekanntermaßen unter der Wasseroberfläche. Es ist ein Privileg, sich zu den wenigen Tauchern zählen zu dürfen, die einen Eisberg unter Wasser erkundet haben. Wir umrundeten tauchend diesen Giganten und nutzten besonders schöne Formen für ein Fotoshooting. Nach 40 Minuten tauchten wir auf, überwältigt von dem, was uns unter Wasser geboten wurde. Aber die Wassertemperatur hatte uns so einiges abverlangt. Auf jeden Fall dürfen wir uns nun zu Recht “Kaltwassertaucher” nennen.

Am nächsten Tag verließen wir unsere Heimatbucht mit den Eisbergen, um im Sermilik Fjord zu tauchen. Dieser Fjord produziert möglicherweise etwa 10 % aller Eisberge Grönlands. Mit unserem kleinen Boot rauschten wir bei strahlendem Sonnenschein über eine Stunde an den schönsten Eisformationen vorbei. Wie schnell sich hier das Wetter ändert! Innerhalb weniger Minuten fällt der Nebel in der Bucht ein und unsere Rückfahrt wurde in dichtem Nebel mitten durch die Eisberge richtig spannend.

Viel zu schnell vergingen diese Tage auf Grönland. Daher versuchten wir, noch möglichst viel von diesem Teil der Erde mitzubekommen: die lokale Bevölkerung, die Schlittenhunde, die Polarlichter. Diese Postkartenlandschaft saugten wir förmlich in uns auf, bevor es per Boot, Quad und Propellermaschine zurück nach Reykjavik ging, wo ich bereits erwartet wurde. Per Taxi fuhr ich direkt in die Blaue Lagune, um mich in dem 40 Grad warmen Wasser aufzuwärmen, bevor ich gegen Mitternacht nach Hause flog.

Für mich ist es unvorstellbar, wie Menschen in diesem Teil der Erde mit den kurzen Sommermonaten, einem endlosen Winter mit wenig Tageslicht, Schnee mit bis zu fünf Metern und ohne Versorgungsmöglichkeit per Schiff von Oktober bis Juni leben können. Das verdient höchsten Respekt.

Wir durften diesen Teil Ostgrönlands schneefrei und mit farbenfrohen Blumen in unserer kleinen WG erleben, mit einem netten Koch, der abends in der Küche liebevoll unser Menü kreierte. Für mich war es eine unglaublich schöne Reise mit vielen unvergesslichen Momenten. Danke an meine Guides bei der Tour: Vicky, Jammy und Sven von Iceland Dive Expeditions und Northern-Explorers sowie auch an mein Orthopädie-Team des Sanitätshauses meines Vertrauens und an meinen isländischen „Hardware-Knie-Ausstatter“ Össur. (Ich trage zwei Mauch Knees). Sie alle hatten einen ganz entscheidenden Anteil am Gelingen dieser unvergesslichen Reise.

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